Unterrichtsstörungen-
Prävention auf der Beziehungsebene

Einen wichtigen Bestandteil in der Unterrichtsstörungen-Prävention auf der Beziehungsebene bildet der Beziehungsaspekt. Wer als Lehrerperson das Klassenzimmer betritt ist, laut Gustav Keller, auch immer eine Autoritätsperson, die einen führenden Charakter mit sich bringt.

Eine Führung im pädagogischen Sinne darf nicht nur aus Lenkung bestehen. Eine gesunden Lehrer-Schüler-Beziehung durch die Einheit von Autorität und Menschlichkeit ist dabei von hoher Bedeutung. Keller sieht in der hohen positiven Autorität eine positive Wirkung der Lehrerperson auf die Lern-und Verhaltensentwicklung der Schüler. Damit geht auch eine präventive Maßnahme bei Disziplinkonflikten einher.

Selbstbewusstes Auftreten

Um als pädagogische Autorität wirksam zu werden, ist es vorrangig nötig, ein selbstbewusstes Auftreten aufzuweisen, ohne jedoch arrogant zu wirken. Die Art des Auftretens bezieht sich zudem auf ein gepflegtes Äußeres und ordentliche Kleidung. Sie unterstützt die Persönlichkeitserscheinung des Lehrers. Dadurch wird seine Ausstrahlung im öffentlichen Raum positiv beeinflusst. Dabei ist das Beibehalten der Individualität wichtig, um die Authentizität zu gewährleisten. Die gestärkte Persönlichkeit sollte, wenn möglich, durch einen aufrechten Gang unterstützt werden. Dies suggeriert dem Schüler, dass der Lehrer selbst frei und ohne Angst vor der Klasse stehen kann und nicht den Eindruck erweckt, unsicher und nachlässig zu sein. Ein negativer Eindruck könnte sich ungünstig auf die Erwartungshaltung des Schülers seinem Lehrer gegenüber auswirken.

Professionelle Lehrer-Schüler-Beziehung

Auch Winkel macht die einander verfehlenden Beziehung und disharmonischen Erwartungen und Befriedigungen als zu vermeidenden Punkt fest, um Unterrichtsstörungen zu verhindern.
Die Bedeutung des sozial-emotionalen-Aspekts einer professionellen Lehrer-Schüler-Beziehung wird, laut Boyken, besonders sichtbar, wenn speziell Schüler die oft unter einem Mangel an emotionaler Zuwendung und Nähe leiden, dem professionell agierenden Lehrkräften ihre Zuneigung mitteilen. Die Lehrkraft sollte daher durch Entwicklung von Vertrauen und Sympathie eine positive Beziehung anstreben. Ein Sympathiegewinn kann nicht nur auf fachlicher Kompetenz, sondern auch auf Offenheit und Transparenz, Anteilnahme, gegenseitige Abhängigkeit und gegenseitige Bedürfnisbefriedigung aufgebaut sein. Hierbei wird das Gegenseitige betont, da eine einseitige Abhängigkeit oder Befriedigung schnell negative Auswirkungen haben kann.

Bei dieser Form des Sympathiegewinns ist jedoch eine Distanz nötig, die es jedem erlaubt, die eigene Kreativität und Individualität zu entwickeln. Gleichzeitig bedeutet Sympathiegewinn auch Beziehungsarbeit. Die Lehrkraft sollte Interesse am Leben und den Freizeitaktivitäten der Schüler zeigen und sich Zeit für sie nehmen. Im Gegenzug könnte der Lehrer etwas von sich selbst Preis geben, um Vertrauen zu wecken und somit die Beziehung zu fördern.

Gegenseitige Wertschätzung

Die größte ausschlaggebende Variable innerhalb der Lehrer-Schüler-Beziehung ist jedoch der Respekt. Der Respekt der Schüler kann durch Freundlichkeit, Wertschätzung, eine faire Behandlung, engagiertes und menschliches Verhalten der Lehrkraft erlangt werden. Die vorhin erwähnte Beachtung der Gegenseitigkeit meint, im Umkehrschluss auch den Schülern mit Respekt und Achtung zu begegnen.

Führungsqualitäten

Trotz der emotionalen Beziehung zu den Schülern muss der Lehrer die Klasse gleichzeitig durch Führung leiten. Diese Führungsqualität zeigt er durch die gesunde Balance zwischen Distanz und Nähe und der Erkenntnis, dass eine Lehrer-Schüler-Beziehung nicht so nah und offen werden darf, dass das Berufs- und Privatleben miteinander vermischt wird. Eine allzu nahe Beziehung könnte auf einige Schüler Unwohlsein auslösen.

Die Kommunikation

Der Kommunikation kommt eine wesentliche Bedeutung hinsichtlich der Lehrer-Schüler-Beziehung und der Unterrichtsstörungen-Prävention auf der Beziehungsebene zu. Gerhard Lohmann verweist auf das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun und beschränkt sich auf wenige, aber für die Praxis relevante Merkmale professioneller Kommunikation im Klassenraum. Diese Merkmale können grob  in „Aktives Zuhören„, „Respektvolle Sprache“ und „Humor“ untergliedert werden. Dabei ist es immer entscheiden, wie die Botschaft des Senders bei dem Empfänger ankommt.

Aktives Zuhören

In der Unterrichtsstörungen-Prävention auf der Beziehungsebene stellt das aktive Zuhören eine wesentliche Komponente dar. Um Kommunikationsspannungen zu verhindern, wird die gesendete Botschaft des Gegenübers (Schüler) in eigenen Worten wiedergegeben. Damit wird dem Absender (Schüler) signalisiert, dass diese verstanden wurde und auf Anteilnahme und Interesse trifft.

Auf der wichtigen Lehrer-Schüler-Beziehung vermittelt das aktive Zuhören gleichzeitig ein Gefühl des einfühlenden Verstehens seitens des Lehrers. Als Beispiel dient die verschlüsselte Botschaft der Sorge eines Schülers, die erst durch Rückmeldung auf die Richtigkeit der Entschlüsselung geprüft werden kann. Erkennt der Empfänger (Lehrer) jetzt in der Frage die Botschaft des Schülers, dass dieser sich Sorgen macht, geprüft zu werden, bekommt der Schüler so die Gelegenheit, seine Sorge nochmal präziser auszudrücken.

Der Effekt des aktiven Zuhörens lässt sich durch den gezielten Einsatz von nonverbaler Kommunikation noch verstärken, sodass die Eindeutigkeit der verbalen Botschaften erhöht wird.

Respektvolle Sprache

Die bereits angesprochene Wertschätzung äußert sich unteranderem durch eine respektvolle Sprache. Das Verzichten auf anklagender „Du-Botschaften“ und stattdessen „Ich-Botschaften“ zu verwenden, führt dazu, dass nicht der Schüler selbst, sondern nur sein Verhalten kritisiert wird. Hierbei wird das Gefühl eines persönlichen Angriffs verhindert und die Lehrer-Schüler-Beziehung nicht negativ beeinflusst.

Im Vordergrund steht dabei, dass die Antworten akzeptierend und nicht wertend formuliert werden. Die Lehrkraft nimmt auf diese Weise die Verantwortung hinsichtlich seiner Empfindung auf sich und teilt diese dem Schüler ehrlich mit. Gordon sieht darin eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass die Bereitschaft, sich zu ändern, steigt.

Moralpredigten und pauschalisierende Bewertungen und Generalisierungen wirken auf Schüler langweilend und entmutigend. Sie sind nicht zielführen und stattdessen sollten dem Schüler die Folgen des Handelns klar gemacht werden. Selbstreflexion und Selbstevaluation werden mit entsprechenden Fragen wie „wie wäre es für dich, wenn …?“ oder „wie würdest du dich fühlen, wenn …?“ gefördert.

Die Metakommunikation und der gegenseitige Umgang sollten im Plenum oder Klassenrat offen angesprochen werden. So wird diese Art der Kommunikation weitergetragen und gleichzeitig eine fehlerfreundliche Atmosphäre geschaffen. Dabei kommt der Lehrer seiner Rolle als Träger von Werten nach. In dieser sollte er bemüht sein, Schüler in ihrer Individualität zu akzeptieren und ihnen mit Respekt zu begegnen. Gleichzeitig dient er natürlich auch als Vorbild, der diese Werte vorlebt. Um dieses wirklich zu schaffen, sollte er sich nicht durch Provokationen auf das Niveau seiner Schüler in ihrem Verhalten und ihrer Sprache herunterziehen lassen und auch selbstzynische Bemerkungen oder herablassende Beleidigung und Geringschätzung unterlassen.

Humor

Der Einsatz von Zynismus auf Kosten der Schüler ist auch im Hinblick auf die zunehmende Bedeutung von Humor in einer positiven Lehrer-Schüler-Beziehung zu unterlassen. Zynische Bemerkungen können missverstanden werden und die Schüler verletzen. Der Einsatz von Humor hingegen bietet verschiedene Vorteile, wenn es um Unterrichtsstörungen-Prävention auf der Beziehungsebene geht.

Helmke verweist darauf, dass eine entspannte Lernatmosphäre als lernförderlich gilt. So sei es für die „Lernfreude, das Lerninteresse und die Lernmotivation günstig […], wenn öfter auch mal gelacht wird, wenn Lehrer sich selbst nicht immer uneingeschränkt ernst nehmen und als humorvoll wahrgenommen werden“.

Lohmann beschreibt Freundlichkeit und Humor als eine, aus Schülersicht mit Abstand wichtigsten Eigenschaft eines guten Lehrers. Dies wirkt sich nicht nur positiv auf das Lehrer-Schüler-Verhältnis positiv aus, sondern fördert den Spaß am Lernen und reduziert Störpotential in durch Langeweile.

Dabei kann Humor in verschiedenen Situationen von der Lehrkraft auch gezielt eingesetzt werden. Hierbei bieten sich besonders zähe Unterrichtssituationen an. In diesen es sinnvoll, die Schüler zu motivieren, den Unterricht aufzulockern, angespannte Situationen zu entkrampfen oder in unruhigen Situationen die Aufmerksamkeit wiederzuerlangen.

Klassenklima fördern

Für ein lernförderliches und störungsminderndes Klima darf die Bedeutung einer guten Schüler-Schüler-Beziehung nicht unterschätzt werden. So gehört ein fairer Umgang innerhalb der Schülergemeinschaft ebenso zum guten Klassenklima, wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Besonders in neuen Gruppensituationen zu Schuljahresbeginn oder auf Klassenfahrten verspüren Kinder oft Angst und Unsicherheit vor neuen Erfahrungen und der neuen Situation.

Um diesem Störpotential durch ein schlechtes Klassenklima präventiv entgegenzuwirken, empfiehlt es sich, besonders zu Beginn eines Schuljahres, verschiedene Kennlernaktivitäten durchzuführen. Gleichzeitig wird durch Etablierung von Ritualen und Traditionen eine Klassenidentität geschaffen und gestärken.

Gert Lohmann schlägt die Evaluierung des Klassenklimas in der Schülerschaft mit anonymisierten Fragebögen sowie die fachgerechte Klassenraumgestaltung und Integration von kooperativen Spielen vor. Die Fragebögen können gemeinsam mit den Schülern im Klassenrat ausgewertet werden. Zusammen bieten diese Instrumente viel Potential zur Schaffung eines angenehmen Lernklimas.

Ein Beispiel für ein Ritual wäre das Darstellen oder Hervorheben einer Meldung, eines Zitates oder eines Witzes am Ende der Unterrichtsstunde. Auch andere passende wiederkehrende Ereignisse, in denen die Schüler miteinbezogen werden, bieten sich an. Die Lehrkraft müsse, so Kowalcyk und Ottich, ein Vorbild für das Verhalten darstellen, das sie selbst erwarte. Dies impliziert, dass das eigene Verhalten der Klassenanleitung den Schülern einen ersten Eindruck davon gibt, welches Verhalten von ihnen erwartet wird und wie die Lehrkraft damit umgeht. Das Tun steht bei der Betrachtung durch die Schüler mehr im Vordergrund, als das Sagen. Das Handeln dient den Schülern als Modell dafür, ob verbales und nonverbales Verhalten des Lehrers übereinstimmt.

Köster verweist im Hinblick auf das Klassenklima auch auf die Bedeutung der Stimmung des Lehrers. Die Laune der Schüler ist in einem gewissen Grad von der Laune des Lehrers abhängig. so lassen sich die Schüler beispielsweise von der positiven Stimmung des Lehrers anstecken. Diese Stimmungsansteckung geschieht wechselseitig, so dass man an dieser Stelle von einem reziproken Affekt spricht. Der Einsatz von reziproken Affekten bietet sich besonders am Unterrichtsbeginn, noch vor dem Einstieg ins Unterrichtsgeschehen an. Eine negative Grundstimmung kann so erst gar nicht entstehen und die Unterrichtsstörungen-Prävention auf der Beziehungsebene gelingen.

Lob und Ermutigung

Pfitzner betont, dass die wechselseitige Beziehung Offenheit, Echtheit und Ehrlichkeit verlangt. Dies ist für den reziproken Affekt ebenso wichtig, wie für das Loben und Ermutigen von Schülern. Dabei ist es ausschlaggebend, was und wieviel der Lehrer seinen Schülern zutraut und wie ermutigt, nachgefragt und ermuntert wird.

Die mit ehrlichem Lob verbundene emotionale Zuwendung ist eine wichtige Unterrichtsstörungen-Prävention auf der Beziehungsebene und kann sich möglicherweise auch auf weitere Störungen des Kindes positiv auswirken, da sie sich von der Lehrkraft angenommen fühlen.

Ein Lob bedeutet für den Schüler ein kleines Erfolgserlebnis und stärkt somit die realistische Selbsteinschätzung, fördert das Zutrauen in die eigene Leistungsfähigkeit und verstärkt das eigene Selbstwertgefühl positiv.

In diesem Zusammenhang erwähnt Lohmann zusätzlich den Einsatz von konstruktiver Kritik. Die Lehrkraft zeigt dem Schüler seine Fehler so auf, dass dieser seine Fehler als Lernchance begreift und sie aus eigenem Antrieb und Motivation berichtigt. Durch konstruktive Kritik wird die fehlerfreundliche Atmosphäre nicht gefährdet und besonders lernschwache Schüler werden hinsichtlich ihrer weiteren Bereitschaft nicht demotiviert.

Das Loben und Ermutigen besonders in schwierigen Gruppen, erzeugt oftmals eine deutlich stärkere Wirkung als die Ermahnung und Kritik. Dennoch sei, so Köster, die Häufigkeit und Art des Lobens ein wichtiges Element, das es zu beachten gelte. Denn ein übertriebenes und inflationär gebrauchtes Lob als positive Verstärkung könne, nach Köster, bei den Schülern zu Irritationen führen und lasse die Lehrkraft unglaubwürdig erscheinen.

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Literaturverzeichnis

Boyken, Heinz-Peter (2009): Tobias stört – Vom richtigen Umgang mit schwierigen Schülern. 3. überarbeitet Auflage, Academic Transfer, Hamburg 2009.*

Gordon, Thomas (2012): Lehrer-Schüler-Konferenz. Wie man Konflikte in der Schule löst. Heyne Verlag, München 2012.*

Helmke, Andreas (2014): Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität: Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts. 5. Auflage, Klett / Kallmeyer Verlag, Seelze-Velber 2014.*

Keller, Gustav (2014): Disziplinmanagement in der Schulklasse: wie Sie Unterrichtsstörungen vorbeugen und bewältigen. 3. aktualisierte Ausgabe, Hans Huber Verlag, Bern 2014.*

Köster, Claudia (2009): Störungsprävention im Kontext Unterricht. Paulo Freire Verlag, Oldenburg 2009.*

Kowalczyk, Walter; Ottich, Klaus (2004): Erziehen: Handlungsrezepte für den Schulalltag in der Sekundarstufe. Grundlagenband. Cornelsen Verag, Berlin 2004.*

Lohmann, Gert (2011): Mit Schülern klarkommen: professioneller Umgang mit Unterrichtsstörungen und Disziplinkonflikten. 8. überarbeitete Auflage, Cornelsen Verlag Scriptor GmbH & Co. KG, Berlin 2011.*

Pfitzner, Michael (2000): „Kevin tötet mir den letzten Nerv“: vom Umgang mit Unterrichtsstörungen, Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2000.*

Wehnert, Dieter (2003): Disziplin in der Schule. Wege zu einer neuen Umgangskultur, Auer Verlag GmbH, Donauwörth 2003.*

Winkel, Rainer (2011): Der gestörte Unterricht – Diagnostische und therapeutische Möglichkeiten. Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2011.*

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